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Verleugnet - Vergessen? (Artikelnummer: ISBN 978-3-942401-75-3)

Zugriffe: 3741 | Wertung:

Texte schreibender Schüler aus Armenien und Deutschland

Projekt - „Verleugnet - Vergessen?“

Projektträger - Friedrich-Bödecker-Kreises in Sachsen-Anhalt e.V. in Kooperation mit der Writers Union of Armenia (WUA) und dem MESROP-Zentrum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Projektdauer - 1. - 4. Quartal 2014

Mit Schuljahresbeginn 2013 riefen der Friedrich-Bödecker-Kreis in Sachsen-Anhalt e. V. (FBK) und der armenische Schriftstellerverband (WUA – Writers Union of Armenia) Heranwachsende auf, Texte zum Thema „Nie wieder Völkermord!“ zu schreiben.
Bis Schuljahresende im Sommer 2014 gingen daraufhin in beiden Ländern zahlreiche Texte, Gedichte, Geschichten, Berichte, Essays u.v.a.m. ein.
Die interessantesten Einsendungen werden hier nun der Öffentlichkeit vorgestellt, nicht zuletzt, um zu einer weiterführenden Auseinandersetzung mit diesem Thema anzuregen.

Textauszug:

Romy Scarbatha, 14 Jahre, Magdeburg

Echo

Nun lag er da. Einsam und verlassen. Zurückgelassen. Sie hatten ihn zurückgelassen. Einfach vergessen. Um ihn herum Schutt und Asche. Alles lag in Trümmern. Die Verletzten lagen über den Platz verteilt, hier und da ein Stöhnen. Viel Blut. All diese verlorenen Seelen suchten ihren Weg in die Stille. Ins Schwarze, Dunkle. Mit letzter Kraft drehte er sich auf den Rücken und sah in den Himmel. Blau, ohne Wolken, unversehrt. So, als wäre nichts gewesen. Als wäre das, was gestern passiert war, nicht gewesen. Er richtete sich auf und schaute sich um. Alle weg, sie hatten ihn aufgegeben. Wo sollte er lang? Rechts oder links? Neben ihm erstreckte sich ein riesiger dunkler Wald. Er stand dort wie eine Mauer, hinter der alles friedlich war: kein Feind, kein Schwert, kein Krieg. All diese Menschen, die hier lagen, gestern noch so lebendig. Heute leblos, still. Wie verschluckt, in Vergessenheit geraten. Er raffte alle Energie, die er noch hatte, zusammen und kroch ein paar Meter, denn so wollte er nicht in die Geschichte eingehen. Nicht so, wie all die anderen, und nicht auf diesem Stück Land. Es hatte schon genug Leid gesehen. Dieses Land, gestern noch so frisch und rein, heute beschmutzt. Er robbte noch ein paar Meter, weiter auf den Wald zu, immer weiter. Er sah sich noch ein letztes Mal um, sah auf das Kriegsfeld. Die Angst und die Wut von gestern lagen schon längst nicht mehr in der Luft, sie waren fort. Jetzt war hier nur noch Stille und Leere. Er drehte sich nicht mehr um. Er musste sich beeilen, denn viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Er war schwach. Doch dieses Leid, der Schmerz, das sollte nicht das letzte Bild sein, das er in sich aufgenommen hatte. Er wollte ein friedliches, das keiner ihm nehmen kann, das nur ihm gehört. Er kroch weiter. Er hatte es fast geschafft. Nun lag er an der Grenze zwischen Krieg und Frieden. Er wollte Frieden, auf jeden Fall Frieden. Für immer. Sein letztes Gefühl sollte das Gefühl des Friedens sein, der Geborgenheit, des Glücks. Unter seinen Armen war Moos, kühles Moos, und Gras, grünes Gras. Grün, dachte er, die Farbe der Hoffnung. Die Hoffnung auf einen friedlichen Tod. Er sah hinauf zum Blätterdach. Die Sonne schien durch die Lücken, die die Zweige nicht ausfüllten. Ein Sonnenstrahl fiel auf sein Gesicht. Das düstere Bild jenseits des Waldes, das er noch im Kopf hatte, erhellte sich. Er hörte die Vögel zwitschern und in der Ferne rauschte ein Bach. So still war es hier. Er konnte nicht glauben, dass er wirklich alleine war. Um sich zu vergewissern, dass er dies auch wirklich war, rief er in den Wald – hallo? Alles, was er hörte, war das Echo, ein zunächst lautes, immer leiser und undeutlich werdendes Hallo. Immer wieder. Er lauschte, bis es ganz verklungen war. Dann rief er es noch einmal. Es ließ ihn glauben, dass jemand bei ihm war. Er rief es wieder, immer und immer wieder. Er schaute sich noch immer um. Dieses Bild ließ ihn glauben, dass er träumte, und sobald er aufwachte, würde er in seinem Bett liegen, daheim bei seiner Familie, die er so sehr vermisste. Er nahm das Bild in sich auf. Er speicherte es ab und schickte still und leise seinen letzten Wunsch in den Himmel. So, wie er dalag, könnte man denken, es wäre nichts. Wären da nicht die vielen Wunden. Er ignorierte den Schmerz für einen Moment und rief ein letztes Mal: „Hallo?“ Denn mehr Zeit blieb ihm nicht mehr. Er spürte, wie seine Glieder schwer wurden. Das Echo ließ er wieder bis zum Schluss ausklingen. Doch kurz bevor es verklang, hörte sich das Echo nicht mehr so an wie seine Stimme. Sie hörte sich lieblicher an, stärker. So, wie die seiner Frau. Er erinnerte sich, stellte sich vor, wie sie zu Hause neben ihm lag. So hatte er wenigstens das Gefühl, zum Zeitpunkt seines Todes nicht allein zu sein.

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