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verlagsheft2017

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Der Fall Nathalie (Artikelnummer: ISBN 978-3-942401-76-0)

Zugriffe: 4057 | Wertung:

Egal, ob Katholik oder Protestant – für den Frieden sollten wir alle sein, vor allem gegen den Krieg, sagte er. Also: Schwerter zu Pflugscharen? Das meinte er doch. Hoffte ich. Ausgesprochen hat Treske diesen Spruch, diesen geradezu unerhörten Gedanken, im Unterricht natürlich nicht. Aber gedacht hat er ihn bestimmt. Da bin ich mir ziemlich sicher. Im Gegensatz zum Schulunterricht haben wir uns in der Jungen Gemeinde damit umso intensiver auseinandergesetzt. Meine evangelischen Eltern haben mich in ihrem Glauben erzogen. Ich stehe dazu und will ihn leben.

Nathalie ist eine intelligente junge Frau. Nachdem ihr 1984 in Erfurt wegen ihrer pazifistischen Haltung der Zugang zum Abitur verwehrt wird, beginnt sie in Weimar eine Lehre als Buchhändlerin. In ihrem Bestreben, sich sozial zu engagieren, stößt sie immer wieder an ihre Grenzen. Als sie 1990 dem sieben Jahre älteren kriminellen Marco helfen will, bezahlt sie das mit ihrem Leben.

Textauszug:

Prolog

Seit dem 19. Januar 1994 ist Nathalie Libuda verschwunden. Jegliche Nachforschungen verliefen ergebnislos. Ein Fernsehsender berichtete über ihr Verschwinden und rief zur Suche nach ihr auf.
Am 1. 4. 1994 fand Nathalies Vater im Briefkasten ein Schreiben vom Polizeirevier Erfurt-Süd an seine Tochter. Es ist eine Vorladung zur Klärung eines Sachverhalts in einer Ermittlungssache. Grund: Am 22. 2. 1994 ist ein PKW Trabant mit dem Kennzeichen EF-LZ 198 in Leipzig unbezahlt betankt worden. Das Fahrzeug war auf Nathalie Libuda zugelassen.
Auf dem beiliegenden Foto des Fahrers, welches an der Tankstelle gemacht worden ist, handelt es sich eindeutig um Marco D.

Monate später!
Einem Schafhirten fällt am Straßenrand ein offenbar schon seit längerer Zeit abgestellter PKW auf. Sein Hund springt bellend vor dem Kofferraum aufgeregt hin und her.
Die herbeigerufene Polizei öffnet den Kofferraum und findet eine mumifizierte Leiche.
Etwa zur gleichen Zeit war Marco D. bereits wegen Raubes gefasst worden. Im Spätsommer findet in Zeulenroda die Beisetzung statt. Gemäß der Sterbeurkunde wird der Tod zwischen dem 19.1. und dem 6.7.1994 datiert …

… Auch Treske erreicht nichts bei mir, sein pädagogisches „Daraufhinweisen auf mögliche Folgen“ hat nicht gefruchtet. Ich weiß nicht. Bin ich nicht doch vielleicht nur ein wirklich halsstarriger Mensch?
Wenige Tage später manövriert sich Treske nach Unterrichtsschluss an mich heran: Nathalie, ich muss dich unbedingt sprechen. Allein. Ich muss dir was zeigen. Bitte, bleib im Klassenzimmer.
Um Haaresbreite wäre ich mit meinem Kopf an den seinen gestoßen, so nahe war er mir gekommen. Als hätte ich einen Stromschlag erhalten, räume ich mit zitternden Händen meine Sachen in die Tasche. Was soll das? Ordentlich, wie unser Klassenlehrer immer so ist, scheint der Ordnungsschüler diesmal nicht flott genug zu fegen. Ist gut, es reicht, pfeift er ihn weg. David, überrascht von Treskes Großzügigkeit, lässt sich diesen Rauswurf gern gefallen, grinst mir vielsagend zu und verschwindet.
Treske schließt die Tür.
Verwirrt, unbeholfen, stehe ich da. Was will Papa Treske von mir? Mir wird kalt. Als ich allein mit ihm bin, nehme ich mein flaches Atmen wahr. Er geht nochmals zur Tür, öffnet sie einen schmalen Spalt, wirft einen Blick in den Gang, schließt sie wieder und kommt wortlos zum Lehrertisch. Ruhig zieht er aus seiner Aktentasche ein Blatt Papier, einen DIN-A4-Bogen. Gelassen reicht er mir das Blatt: Hier, du bist abgelehnt. Mehr kann, mehr darf ich dir nicht sagen. Lies selbst. Er gibt mir die maschinengeschriebene Beurteilung, die er selbst verfasst hat, und geht zum Fenster, schaut hinaus. Den einen Satz musste ich nachträglich hinzufügen, sagt er. Den bewussten Satz hat er markiert, rot unterstrichen: In letzter Zeit traten bei Nathalie pazifistische Tendenzen auf.
Das ist’s also. Für einen Gewaltablehner, für einen offen sich zu seinem christlichen Glauben Bekennenden, gibt es kein Abitur. Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit laut Verfassung – das alles lehrt uns der Staatsbürgerkunde-Unterricht. Blanke Theorie. Blanker Hohn! Nach wie vor bin ich die Klassenbeste. Ich war Pionier und im Gruppenrat, seit der achten Klasse in der FDJ-Leitung. O ja, ich glaubte an das einzig Richtige, an das sozialistische Verhalten sozusagen; die unwiderlegbare legitime Rechtfertigung all dessen, was „unseren“ Staat so humanistisch, so gesetzmäßig historisch überlegen macht. Der Artikel 25 ist ein eben solch überaus bürgerfreundliches Indiz für die Überlegenheit sozialistischer Grundideen: Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das gleiche Recht auf Bildung. Die Bildungsstätten stehen jedermann offen …
Nur, bis zum Artikel 39 ist Pflanzkind, unser Stabü-Lehrer, nicht gekommen: Jeder Bürger … hat das Recht, sich zu einem religiösen Glauben zu bekennen …
Grau ist alle Theorie.
Der Anfang meiner Beurteilung genügt. Den Rest zu lesen erspare ich mir, die Lobeshymnen auf meine außerordentlich guten schulischen Leistungen, die jahrelangen gesellschaftlichen Aktivitäten meiner Eltern. Ich reiche Treske das Blatt zurück und bedanke mich. Natürlich werde ich niemandem, selbst Vater nicht, hiervon erzählen. Gedankenverloren verlasse ich den Klassenraum. Alles ist versunken in mir, verschwunden in einem endlos tauben Nichts. Schließlich bin ich nicht mehr als eine Totgeburt. Und: Tote haben keinen Anspruch auf Lebensbeistand.
Trotzdem: Danke! Treske will mir helfen. Schafft es aber nicht. Wie denn auch! Die „Müllerin“ ist pflichtbewusst. Nicht wirklich böse. Aber sie glaubt, immer alles richtig machen zu müssen. Und die Kaiser? Die ist „rot“, dunkelrot. Die ist gefährlich. Das weiß ich. Spätestens nach meinem Auftritt bei ihr. Sie ist rot und vor allem eiskalt.
Vierzehn Tage darauf, Ende September, erhalten meine Eltern schriftlich die offizielle Mitteilung der Prüfungskommission: Abgelehnt! Begründung: Da bei der großen Anzahl von Bewerbungen fundierte Vorschläge – bezogen auf politisch-moralische Haltung und Studienziele – vorlagen, konnte eine Bestätigung nicht erfolgen … Entsprechend den Bestimmungen … haben Sie das Recht, innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt der Entscheidung beim Stadtbezirksschulrat Beschwerde gegen die getroffene Entscheidung einzulegen … Ich möchte Sie darüber informieren, dass die Direktorin der Oberschule in meinem Auftrag mit Ihnen und Ihrer Tochter beraten wird, welche Maßnahmen für die weitere schulische und berufliche Entwicklung Ihres Kindes eingeleitet werden sollten (Berufsausbildung, Fachstudium) … Ich wünsche Ihrer Tochter viel Erfolg in der weiteren Persönlichkeitsentwicklung. Mit sozialistischem Gruß. Stadtbezirksschulrat …

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