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verlagsheft2017

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Kein Gott in der Nähe - Mutterland (Band 3) (Artikelnummer: ISBN 978-3-942401-98-2)

Zugriffe: 2517 | Wertung:
„Das eigene Herz in fremde Haut gesteckt.“ – So erklärt Dorothea Iser ihr Schreiben.
Mit „Mutterland“ beendet die Autorin ihre Roman-Trilogie „Kein Gott in der Nähe“:
Die Schriftstellerin Susanne Lippmann muss Abschied nehmen von ihrer hochbetagten Mutter und damit von ihrem Leben als Tochter. Das eigene Leben, die einst getroffenen Entscheidungen stehen angesichts des einschneidenden Abschieds noch einmal auf dem Prüfstand – die Erinnerungen an die Nachkriegskindheit, an das Ringen um ehrliche Arbeit und an Lieben und Freundschaften öffnen einen weiten Lebenshorizont. Dass die Beziehung zu ihrem Mann Alex in dieser Zeit intensiver Fürsorge für die alte Mutter nicht nur belastet, sondern auch bereichert wird, und dass die Familie mit Kindern und Enkeln sich als zuverlässige Kraftquelle erweist, gehört zur letztlich glücklichen Bilanz.
Nüchtern, pointiert und poetisch erzählt Dorothea Iser von einer Frau an der Schwelle des Alters, deren Herz unbeirrt für das Leben schlägt.
Brigitte Böttcher

Textauszug:

Besinnung

Der Alltag nahm keine Rücksicht auf meine Gefühle. Das war auch gut so. Für Mutter konnte ich jetzt nichts tun. Wenn das Telefon klingelte, sah ich nervös auf die Nummer im Display. Ein Anruf aus dem Krankenhaus würde bedeuten, Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Irgendwann wird es so weit sein. Irgendwann ist noch nicht jetzt. Mutter hat Lebenskraft. Sie wehrt sich gegen das Sterben. Manchmal ist das Leben schlimmer.

Alex mähte Rasen. Ich saß am Schreibtisch und versuchte, mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren. Mit Beate musste ich dringend die nächsten Schritte abstimmen. Das Büro war nicht besetzt. Nur der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Den Entwurf für das neue Projekt fischte ich aus meinem Mailfach.
Einladung zum ersten „Dichtergarten“. Ort und Zeit folgten. Beate hatte ein Foto von mir dafür ausgesucht. Susanne Lippmann in Aktion im Kulturturm, Eröffnung der Jugendbuchwoche. Das war im vergangenen Jahr. Arno hatte die Aufnahme gemacht. Bitte nicht lächeln, er mochte keine aufgesetzten Mienen. Gelacht haben wir hinterher. Ich sollte nach den Korrekturen nun mein Okay für den Flyer geben. Das Foto sah ich lange an.
War ich wirklich die Frau, die so nachdenklich in die Kamera sah. Was verrät schon ein Foto, dachte ich, wollte es beiseite schieben und mich auf den Text konzentrieren. Ich brachte es nicht fertig. Mutters Augen sahen mich an. Oder sah ich mich mit Mutters Augen?
Aus Mutters Schrank holte ich mir das Fotoalbum. Dabei hatte ich ein ungutes Gefühl. Es war zwar unser Haus aber ihre Stube. Durfte ich einfach an ihre Sachen gehen? Sie hätte nichts dagegen. Aber ich konnte sie nicht fragen.
Hab dich nicht so, dachte ich. Wie oft haben wir uns die Fotos gemeinsam angesehen.
Guck mal, da ist der Papa Soldat.
Guck mal, das sind wir gleich nach dem Krieg.
Guck mal, das ist mein Bruder. Der herzkranke Junge, von dem die Ärzte sagten, es sei ein Wunder, dass er die Operation überlebt hat. Zum Schluss haben sie ihn noch in den Krieg geschickt. Ein zweites Wunder gab es für ihn nicht.
Ich hörte Mutters Stimme. Die Geschichten erzählte sie immer wieder.
Meine arme Mutter, sagte sie, wenn sie umblätterte, und strich mit den Fingerkuppen über das Foto.
Guck mal, du hast ihre Nase. Und die gleiche Mundpartie. Du bist schon älter, als meine Mutter geworden ist. Guck mal!
Ihre Hände tasteten durchs Album. Erkennen konnte sie die Fotos nur unscharf. Glaukom auf beiden Augen. Erst eine OP links, dann die OP rechts. Jedes Mal für ein paar Tage stationäre Aufnahme. Wir fürchteten uns anfangs davor, ihr das klarzumachen. Um keinen Preis wollte sie von zu Hause weg. Es sei besser für sie und für uns, erklärten wir. Nur weil sie es uns leichter machen wollte, stimmte sie zu. In der Augenklinik verwandelte sich Mutter in eine Unterhalterin. Das hatten wir nicht vermutet. Sie redete und scherzte mit den anderen Frauen in ihrem Zimmer. Die kannten ihre Geschichten ja noch nicht und bewunderten sie. Wenn wir Mutter besuchten, sagte sie, das ist meine Tochter. Sie griff meine Hand. Und das ist mein Alex. Ihr Mund wurde weich vor Freude. Er ist mein Sohn. Schwiegersohn nannte sie ihn nie. Wir leben im Paradies.
Dagegen kam niemand an. Für ihre Mutter hätte sie auch gern ein Paradies gehabt. Dazu kam es nicht mehr. Sie starb viel zu früh. Bei diesen Sätzen mühte ich mich, nicht genervt zu wirken. Natürlich war das furchtbar, aber ich bin damit aufgewachsen. Irgendwann habe ich nicht mehr zugehört.
Wieder zu Hause, erzählte sie traurige Geschichten über Mitpatientinnen, Mütter, die vergessen von ihren Kindern in Heimen lebten. Bei der zweiten OP wusste sie schon, was sie erwartete. Auf die Schwestern und Ärzte ließ sie nichts kommen. Alle sind freundlich, das Essen ist gut.
Wir aber warteten auf das große Wunder, auf die eine ersehnte Nachricht: Ich kann wieder besser sehen.
Ich werde blind, sagte sie eines Tages. Die Bilder, die sie nicht mehr erkennen konnte, bekamen ein Eigenleben. Ich sollte daran teilhaben. So sehr ich mich auch bemühte, das Gesicht ihrer Mutter blieb mir fremd. Ich fand, ich sah meiner Mutter ähnlich. Als ich Kind war, wollte ich davon nichts wissen. Wenn mich die Leute drauf ansprachen, schnitt ich Grimassen. Meine Seele war rabenschwarz. Auch wenn ich mich dafür schämte. Niemand durfte das erfahren. Erst recht nicht die Mutter. Sie wollte brave Kinder. Ich aber, ich war nicht brav, ich war viel zu neugierig. Sie liebt mich, weil sie das nicht weiß, dachte ich. Ich erinnerte mich an einen Geburtstag. War fünf oder sechs geworden?
Ich hatte mit anderen rumgetobt. Dabei war mir meine Puppe aus den Händen gerutscht. Ihr Kopf zersprang auf Betonplatten. Nach dem ersten Schreck heulte ich Rotz und Wasser. Mutter wischte mir das Gesicht trocken, sammelte die Scherben auf und nahm mich auf den Schoß.
Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh ... Sie sang, um mich zu beruhigen, wiegte mich in ihren Armen. Sie strich mir übers Haar und pustete das Weh aus meinem Herzen. So ein großes Mädchen weint doch nicht mehr, sagte die Nachbarin. Sie hatte auf der Oberlippe eine große Warze mit einem Hexenhaar. Das vibrierte, wenn sie sprach. Sie wollte mich verzaubern. Oder sogar in den Ofen schieben. Ich war nicht Gretel, ich steckte ihr die Zunge raus. Wenn Mutter das gesehen hätte ... Die Nachbarin wandte sich wortlos ab.
Wenn ich so zurückdenke, fällt mir auf, ich hatte immer Geheimnisse. Manchmal flog ich damit auf. Mutter sah alles. Dann gab es kein Entkommen. Sie war streng. Aus mir sollte ein rechtschaffener Mensch werden. Ein rechtschaffener Mensch, was für ein Schreckensbild entwarf sie für mich. Sprüche aus dem Religionsunterricht begleiteten mich. Sei duldsam, fleißig, ehrlich, höflich, hilfsbereit, selbstlos ... und dem Herren ein Wohlgefallen, leierte ich in Gedanken die Aufzählung weiter. Wer will so leben? ...
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