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verlagsheft2017

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Verbrieft oder: wer kritisiert eigentlich den Lektor?

Lieber Günter,

ich gratuliere Dir zu Deinem ersten Buch.

Die Gestaltung des handlichen Taschenbuches finde ich abwechslungsreich durch die auf die Texte abgestimmten Fotos (fünfundvierzig von Dir), dass es mir nicht nur jetzt ein Vergnügen ist, es zur Hand zu nehmen, um Deinen Gedankengängen zu folgen.

Ganz besonders spricht mich Deine Denkart an, in Worte einen Keil zu treiben, Zeilenumbrüche so zu nutzen, dass doppelsinnig neue Zusammenhänge entstehen. Dadurch lese ich mehr als nur einen Aha-Effekt heraus.

Nach kurzer Zeit konnte ich schon Texte auswendig daher sagen, wie Eben (S. 11).

Als ich sagte, mein Textband wird „Die Nase der Sphinx“ heißen, schrie eine mir bekannte Bibliothekarin triumphierend auf: „Die Sphinx hat doch gar keine Nase!“ Eben.

Da wurde mir wieder bewusst, warum ich zu DDR-Zeiten das Fachschul-Bibliothekar-Studium mit der Begründung: „Gute Facharbeiter muss es auch geben.“ abgelehnt hatte.

Deine Texte regen mich zum Nach-, Um-, Weiter- und Neudenken an. So auch Dein Text MAUER BAU (S.18)

Sofort möchte ich Geschichte nachlesen. Ich komme auf mein Leben, werde auf eigene Gedanken zurückgeworfen. Ich bin Jahrgang `64 (wie die gleichnamige DDR-Singegruppe). Für mich war die Mauer vierundzwanzig Jahre ein antifaschistischer Schutzwall. Ich sang die Lieder der FDJ, wollte nie weg und eingesperrt fühlte ich mich auch nicht.

Erst in den Neunziger Jahren begriff ich, lernte durch den Zugang zu neuer und anderer Literatur anders zu denken, beschäftigte mich intensiv mit der Geschichte der BRD und war bestürzt über meine eigene Arglosigkeit in manchen politischen Ansichten.

Die persönlichen Gedichte Westfriedhof – für meine Tante- (S.24), Rücksicht 1986 – für meine Mutter (S.21) und Ende vor Augen (S.42/43) empfinde ich als erschütternd wahrhaftig, voll Mitgefühl und Wärme und erfrischender Heiterkeit, die mir dann doch im Hals stecken bleibt, wenn es um den Tod geht.

Dann bleibt mein Blick auf den Seiten 50/51hängen. Die Texte IV Wände Selbst Gespräch und Backe Backe Kuchen beeindrucken mich durch ihre einfache, wirkungsvolle Aussage.Da ist es wieder, diese Worte auseinander nehmen, um sie neu miteinander zu verkabeln. Mich selbst regen diese Texte besonders an. Ich will sofort mein Papier holen und loslegen mit dem eigenen Texten. Die Fotos von Bettlern auf der Straße stimmen mich traurig, die Texte nicht, obwohl sie ebenso Wirklichkeit spiegeln. Diese Gegen SÄTZE sind es, die Deiner Denkfabrik entstammen und mit denen Du Wirkung erzielst.

Auf S. 52 findet HEIMAT  LOS seinen Platz, von den sozialkritischen Gegenwartstexten vielleicht der, welcher mir am originellsten, sprachlich am gelungensten, gefällt. Ich hatte diesen Text nur einmal bei einer Lesung von Dir gehört, aber er blieb in mir hängen wie zäher Kaugummi unter dem Schuh.

So schaust Du mich auch auf S. 85 an, guckst über den Tellerrand hinaus. Die Anderen dürfen ruhig ein wenig Angst vor Deiner Kunst haben. Möglich, dass ihnen der Spiegel zersplittert, den Du ihnen vorhältst.

So kann es einem Literaten wie Dir gehen mit den Phantomschmerzen. Sie setzen Dir zu. Du kratzt unter der Haut des Lesers. Reflexartig greift sich dieser an die eigene Nase.

Ich hänge meine in den rauen Lebenswind, haue mir mit Deinen Texten die Taschen voll und weiß, ich habe immer eine beunruhigende Wegzehrung im Gepäck.

Ich wünsche Dir und Deinem Buch eine verstehende Leserschaft und hohe Verkaufszahlen.

Alles Gute von Annegret Angela Winkel

 

Das Buch erschien unter ISBN 978-3-942401-14-2

   
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