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verlagsheft2017

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Mich hat der Esel im Galopp verloren von Rolf Burkert

Pietzpuhl ist in der Tat grottig weit weg. Aber schon der Flyer versprach Großartiges. Alle Versuche sich irgendwo fahrtechnisch einzuklinken scheiterten. Doch ich wollte mehr von dem Jungen aus dem Heim wissen. Ich würde Rolf zum dritten Mal hören – wer bekommt schon das Buch vom Autor vorgelesen?

Ich habe das unbestrittene Talent mich generell zu verfahren. Denke, wenn Neu Dessau mehr als eine Straße hätte, würde mir das auch dort gelingen. Diesmal war ich schlauer. Ich organisierte mir ein Navi. Dass es mit der Karte von 2004 ausgestattet war, registrierte ich frustriert auf der Autobahn nach Berlin. War trotzdem die Erste. Rolf war aufgeregt, seine Freude steckte an, sein Stolz war unverkennbar.

19.00 Uhr – Rolf setzte sich in den wuchtigen Sessel, er versank darin. „Ich bleib dann auch gleich bis zum Schluss hier sitzen.“ verkündete er verschmitzt. „Ihr wisst, was „Mich hat der Esel im Galopp verloren“ heißt? Zustimmendes Nicken. Er blickte wissend in die Runde. „Bei uns Heimkinder hatte es eine ganz besondere Bedeutung. Ihr kennt Wolfskinder?“ Klar doch, das sind die Kinder, die von Wölfen großgezogen wurden. „Wolfskinder“, fuhr Rolf fort, „waren die Kinder, die sich allein bei klirrender Kälte von Russland durch die Wälder zu uns durchgeschlagen hatten. Wir kamen aus einem anderen Kinderheim, auch Waisen, aber schon einmal aufgefangen..“ Wolfskinder und Eselskinder, durchfuhr es mich – welche Tragik birgt diese Komik.

Und dann las er. Ich klebte förmlich an seinen Lippen, stellenweise konnte ich den blondgelockten Jungen erkennen. Ich litt mit ihm und lachte. Sein Freund Peter war sein Held. Nur zwei Jahre älter brachte er dem kleinen Neuankömmling alles bei, was er zum Überleben in diesem Heim wissen musste. Beschützte ihn, tröstete, zeigte ihm, wie man unerkannt verbotene Zonen erkunden konnte.

„Ihr versteht mich gut?“ fragte er zwischendurch. „Nein, nicht alles.“ meldete sich eine ältere Dame zaghaft. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir.“ lud Rolf sie ein. Bevor sie ablehnen konnte, wurde ihr ein Stuhl neben Rolfs Sessel gestellt. „Wie heißen Sie?“ „Hinz, Hinz wie Kunz.“ sagte sie leise und lächelte glücklich.

„Den Jugendwerkhof kennt doch sicher jeder, oder?“ fragte Rolf ohne eine Antwort zu erwarten. Nun ja, kennen – gehört habe ich davon. „Mein zweites Buch geht intensiver auf dieses Thema ein. Einiges muss da richtiggestellt werden. Darauf dürft ihr gespannt sein.“ Das sind wir – definitiv.

Der kleine Blondschopf wurde größer – ich begleitete ihn überall. Ich wünschte ihm so sehr, wenn nicht seine, dann doch zumindest eine Familie zu finden, die ihn aufnahm. Das Schicksal sah andere Wege für ihn vor.

Es ist aufregend und äußerst erstaunlich, woran sich Rolf alles erinnern kann. Da ist niemand der sagt: Weißt du noch Rolf, damals als du fünf warst…. Seine Erinnerungen kann niemand vervollständigen. Ich merk mir nicht mal den Weg nach Hause. Hab mir Burg bei Nacht angeguckt.

Es war ein wundervoller Abend. Er verging viel zu schnell. Rolf sah glücklich aus und zufrieden.
Ein wunderbares Buch, es fesselt, man möchte es nicht mehr weglegen. Aber es vorgelesen zu bekommen, sprengt die Vorstellungskraft. Man leidet, lacht, freut sich diebisch über die gelungenen Streiche – weil man Rolf zuhört und den Jungen aus dem Heim vor sich sieht.
Gabi Andro


Das Buch erschien unter ISBN 978-3-937973-87-6

   
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