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verlagsheft2017

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Rezension von Knut Wagner

Eine lyrische Lebensfahrt
praller Sinnlichkeit

Der Gedichtband "Eine liebende Frau" von Heike F.M. Neumann besteht aus lyrischen Erklärungsversuchen über die Liebe und das Glück; und die thematische Spannweite reicht von unerfüllter Liebe bis "Alles ist in der Liebe möglich."

Für Heike F.M. Neumann war es ein steiniger Weg bis zu ihrem Gedichtband "Eine liebende Frau", der kürzlich im dorise-Verlag Erfurt erschien. Obwohl die in Zella-Mehlis lebende Autorin schon in jungen Jahren ihre vielversprechende literarische Begabung unter Beweis stellte, blieb ihr der Erfolg versagt. Als sie zu DDR-Zeiten am Literaturinstitut Leipzig angenommen wurde, hieß es in ihrer Stasi-Akte: "Sie hat tatsächlich Talent. Leider müssen wir sie zum Studium lassen." Dass sie zu Oppositionellen wie Jürgen Fuchs engen Kontakt hatte, erklärt, weshalb Heike F.M. Neumann lange auf ihren Debütband warten musste.
Obwohl der Band "Eine liebende Frau" Gedichte wie „mutterengel“ oder „die flüchtigen engel“ enthält und mit einem „gebet“ eröffnet wird, ist der Inhalt weder religiös noch esoterisch. Das „gebet“ ist vielmehr ein Ausdruck der Sehnsucht nach Liebe und steht am Beginn der Lebensfahrt durch die Gefühlswelten „einer liebenden Frau“ praller Sinnlichkeit.
Es sind ausgereifte Gedichte einer Frau, die mit den unterschiedlichen Liebeszuständen in ihrem Leben konfrontiert wurde. Dabei verfällt Heike F. M. Neumann nicht in billige Schlagerklischees, was beim Thema Liebe schnell passieren kann. Ihre Gedichte sind Widmungs- und Alltagsgedichte im besten Sinne.
Das Konsumieren der Gedichte jedoch fällt anfangs etwas schwer.
Denn die durchgängige Kleinschreibung ohne Interpunktion und das Festhalten am Zeilenbruch an den ungewöhnlichsten Stellen hemmt manchmal den Lesefluss. Aber hat man diese Hürde überwunden, wird man mit Versen belohnt, die sich durch eine originelle Metaphersprache auszeichnen.
In „versprechen“ kann man erfühlen, wie ungeheuer schwer und schmerzhaft es ist, jemanden zu vergessen. „mein herz ist taub geschrien“ heißt es am Anfang des Gedichts, das in der Schlusszeile „ich habe dich gänzlich ausgespien“ gipfelt.
Im Gedicht „liebe ist“ tastet sich die Autorin an die Antwort auf die Frage, was Liebe ist, heran. Liebe sei etwas „unvernünftiges, etwas ganz vernünftiges“ und am Schluss des Gedichts lautet ihre Antwort: „wenn wir nicht aufhören/ aneinander zu denken/ uns brücken schenken.“ Und in „alles das dachte ich auch“ zählt die Lyrikerin auf, was der Liebe entgegensteht: zügelloser Egoismus, Anmaßung, Schein und Spieglung des eigenen Ichs.
Von Verstellung und Verlangen, von ungestillter Lust ist in „dass du dich nachts zu mir legst“ die Rede. „Ich wollte es so sehr/ dass mein ganzer Körper davon redete.... /stellte mich schlafend“, schließt das Gedicht, das in hervorragender Weise mit der Illustration „Romantische Ecke“ von Gerd Mackensen korrespondiert.
„weiterbildung in petzow“ hört sich vom Titel her nach abgestandener Luft und langweiligen Seminaren an, aber ist ein großes Liebesgedicht mit Schlüsselsätzen, die in ihrer Bildsprache nur schwer zu übertreffen sind: „unsere worte waren sich zugetan/mein herz sprang aus der verankerung.“ Auf der Suche nach der großen, wahren Liebe, die auf der Strecke bleibt, weil der Geliebte seine feste Beziehung, in der er lebt, nicht aufgeben will, stellt eine enttäuschte Frau am Schluss verbittert fest: „unsere herzen lobten sich fort/im hafen des abschieds.“
Von einer kurzen glücklichen Liebe ist in „surfen“ die Rede. Obwohl das Gedicht von der Leichtigkeit, dem Gleiten auf den Wogen der Liebe beherrscht wird, kommt es wie ein metapherschweres Landschaftsgedicht daher: „von leichtigkeit überstiegene himmel/aufgestellte Segel der Lust/wo im aufgetanen meerschaum/dunkelgrüne täler wachsen.“
Aus dem Puzzle von 64 Gedichten entsteht am Ende das lyrische Bildnis einer liebenden Frau, die sich offenbart hat. Die Illustrationen von Gerd Mackensen – mit einem Touch zur Pornografie – korrespondieren mit den Gefühlswelten der Gedichte und bereichern diesen Band, in dem nicht nur die unglücklichen Lieben groß ins Bild gesetzt werden.
„In mir wohnt/der wille geliebt zu werden/ in jeder meiner rundungen“ heißt es in dem Gedicht „rosenstolz 1“, das ein Sinnbild für eine glückliche Liebe ist und in dem die tabulose Hingabe dominiert. Durch die Illustration „Rücken mit weißem Slip“ wird das Gedicht in hervorragender Weise bildkünstlerisch kommentiert und thematisch auf unaufdringliche Weise weitergeführt.
Und in „flügelaugen“ fällt der Blick ebenfalls auf eine glückliche Liebe, die trotz der Monotonie des Alltags und der ständigen Wiederholungen im Zusammenleben hält: „dich so zu sehen/wie du aufrecht im sessel sitzt/und mit dem fuß wippst."
Originell ist auch die Machart vieler Neumannschen Gedichte, die mit einem filmreifen, szenischen Einstieg beginnen und mit einer überraschenden Pointe enden. Ein typisches Beispiel dafür ist "cha - cha - cha" (Einstieg: "er sah mich an/ich war schon dreißig", pointierter Schluss: "ich war erst dreißig/er tanzte schlecht")
Als Fazit sei gesagt: Der Lyrikband "Eine liebende Frau" eröffnet neue Sichten auf ein uraltes Thema und wird den Liebhabern origineller Metapher besonders gefallen. Aber auch die Fans von Gerd Mackensen werden Überraschendes entdecken.

Das Buch erschien unter ISBN 978-3-942401-91-3

   
© dorise-Verlag