Deutschland, hörst du mich? (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-52-1)

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Der Pelikan e.V. veröffentlichte 2021 Texte von Hussain Saberi. Er ist schwer traumatisiert und hat die bewegenden Erlebnisse seines Lebens in Afghanistan, auf seiner Flucht und in Deutschland aufgeschrieben. Einige wurden zweisprachig veröffentlicht, so dass sich die Schüler in La Roche-sur-Yon und interessierte deutsche Jugendliche nachhaltig mit den Problemen auseinandersetzen können.

"Deutschland hörst du mich – in diesen Jahren habe ich als dein Gast viel Gutes aber auch Schlechtes erlebt.
Ich habe hier Menschen gefunden, von denen ich Hilfe wie von meiner eigenen Familie bekommen habe, ich konnte hier das, was mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat - Hussain schreib alles auf, schreib ein Buch über deine Flucht und all deine Erlebnisse - in die Tat umsetzen."

Textauszug:

Meine gebrochenen Flügel

Ich bin jetzt 22 Jahre alt.
Solange ich denken kann, ist Afghanistan ein unsicheres Land, ein Kriegsland.
Bei uns ist das Leben anders, nicht so hochtechnisiert wie in Deutschland. Wir haben keine Fernheizung. Im Winter heizen wir unsere Häuser mit Holz. Das Wasser wird in einem großen Behälter zum Wäschewaschen oder Duschen heiß gemacht.

Als ich fünf Jahre alt war, schlug eine Rakete im Nachbarhaus ein. Die Detonation war so stark, dass unser, nennen wir ihn Badeofen, umkippte und mir mein linkes Bein komplett verbrühte. Ich schrie vor Schmerzen. Wochenlang konnte ich mich nicht rühren, lag fast bewegungslos im Bett. Immer, wenn meine Mutti die Bandagen wechselte, ging ich durch die Hölle. Meine Haut hing nur in Fetzen an meinen Beinen. Nach Monaten musste ich erneut laufen lernen.

In der Schule war ich gut. Trotzdem oder gerade deshalb lauerten mir auf dem Weg nach Hause oft meine Mitschüler auf und schlugen mich, weil ich ein Hazara war und nicht zu ihnen passte.
Als ich in der Abiturstufe war, habe ich den Hass meiner paschtunischen Mitschüler und auch des Schulleiters gespürt. Ich brachte Top-Leistungen. Trotzdem haben die Paschtunen die besseren Noten bekommen. Sie wussten nicht mal die Hälfte, aber ihre Familien waren mit dem Schulleiter oder einigen Lehrern befreundet.
Als ich meinen Schulleiter danach befragte, warum ich im Test schlechter abgeschnitten habe als andere meiner Klassenkameraden, obwohl ich alles richtig und ausführlich beantwortet hatte, sagte er mir: "Wenn du deinen Test zum Vergleich verlangst, werfe ich dich aus der Schule. Willst du dein Abitur machen? Dann akzeptiere den schlechteren Platz, du Hazara!"

Ich war nie ein Afghane in meinem Heimatland, ich war der Hazara, der weniger wert ist, weil er einer Minderheit angehört.
Mein Abitur habe ich bestanden. Nicht als der Beste. Ich war einer in der zweiten Reihe. Das hat wehgetan.
Ich wusste, ich bin besser, aber ich konnte nichts machen.
Sie gönnten mir meinen Erfolg nicht.
Mit sechzehn habe ich mein Abitur abgelegt und wurde für die obligatorische Aufnahmeprüfung an der Universität zugelassen.
Auch die bestand ich mit Bravour und bekam einen Studienplatz.
Meine Mutter kaufte mir meine "Studentenhose", eine moderne blaue Jeans für Kabul. Ich durfte nicht mit traditioneller Kleidung der Hazara in den Hörsaal.
In den ersten beiden Monaten in Kabul war ich hochmotiviert, studierte mit großem Eifer und erzielte beste Leistungen in meinem Traum-Studiengang "Computer Science".
Meine Heimatstadt ist etwa achtzehn Autostunden von Kabul entfernt. Ich konnte nicht jeden Abend nach Hause fahren und morgens wieder pünktlich in der Universität sein.
Anfangs lebte ich bei einem Onkel und verschiedenen Studienfreunden, aber das war keine Dauerlösung. Ich hatte einen Wohnheimplatz beantragt.
Wieder musste ich die schmerzliche Erfahrung machen, dass ich ein Hazara bin. "Geh weg Hazara, wir haben hier keinen Platz für dich!"
Mit diesen Worten wurde mir ein Wohnheimplatz verweigert.
Was soll das? Warum kann ich in meinem eigenen Land kein Mensch sein?
Ich bin hier geboren, mein Vater ist hier geboren, warum haben wir keine Rechte? Wohin gehören wir?
Nach zwei Monaten gab ich den Kampf um die Unterkunft auf. Überall war ich der Hazara, keiner wollte mir helfen, keiner wollte mich.
Ich musste, ob ich wollte oder nicht, zurück. Ein Hotelzimmer konnte ich mir nicht leisten.
Das ist das Ende. Ich habe so lange gewartet und gekämpft, um endlich studieren zu können. Ich habe alle Voraussetzungen mitgebracht, aber mir wurde mein mir zustehendes Recht nicht gewährt.
Zurück in meiner Heimatprovinz, wollte ich nicht untätig sein. Irgendwie musste ich etwas Sinnvolles tun. Ich wollte unterrichten, weitergeben, was ich bisher gelernt hatte.
Ich konnte Englisch, also habe ich meine Nachbarn und Freunde, die Lust hatten, in dieser Sprache unterrichtet.
Das war etwas Neues in unserer Region. Es war verboten, aber darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Was sollte falsch an einer anderen Sprache sein?
Ich spürte den Drang in mir, Jugendliche auf eine neue Zeit vorzubereiten, in der man auch Fremdsprachen zur Verständigung braucht. Alles lief bestens und die Jugendlichen waren mit großem Eifer bei der Sache. Es machte ihnen und mir Spaß. Wir hatten ein gutes Gefühl.

Nach sechs Monaten kamen die Taliban. Sie haben unser Haus durchsucht, meinen Vater, meine Mutter und auch meine kleinen Geschwister geschlagen. Sie haben mir die Augen verbunden, meine Papiere und Zeugnisse mitgenommen und mich abgeführt.

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