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verlagsheft2019

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Tatsächlich leuchtet der Himmel grün – Reimanns Erben (Artikelnummer: ISBN 978-3-946219-37-8)

Zugriffe: 192 | Wertung:
Reimanns Erben

… Reimann war stark im Glauben. Wovon sie überzeugt war, das setzte sie um. Die Welt muss zu verbessern sein. Dafür lebte sie, deshalb schrieb sie.
Ein Erbe, das wir pflegen, indem wir unsere Geschichten schreiben.
Reimanns Erben legen hiermit ihre erste gemeinsame Anthologie vor. Beteiligt haben sich Mitglieder des Burger Autorenkreises. Jeden Monat treffen sie sich in der Stadtbibliothek
„Brigitte Reimann“. Sie begannen als Burger Schreibrunde und knüpften an die Tradition der „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ (AJA) an, die in den fünfziger Jahren vom Schriftsteller Otto Bernhard Wendler geleitet wurde. In der AJA wirkten unter anderem Walter Basan, Wolf Dieter Brennecke, Reiner Kunze und Helmut Sakowski. Die junge Brigitte Reimann holte sich dort ihren ersten Lorbeer ab und bekam auch heftige Kritiken. Manchmal stürzten ihre Zweifel sie in Verzweiflung. Manchmal schwebte sie über dem Alltag. Später arbeitete sie selbst mit schreibenden Arbeitern in „Schwarze Pumpe“.
Anfang der siebziger Jahre gründete sich der „Zirkel schreibender Arbeiter“ im Maschinenbau Burg. Er wurde vom Magdeburger Schriftsteller Heinz Kruschel geleitet. Schreiben wurde
als eine Form der Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft begriffen. Kritische Hinweise als Hilfe zu verstehen und sie umzusetzen, war Voraussetzung für die literarische Arbeit. Burger Ansichten I und II entstanden. Kunstpreise wurden dem Zirkel verliehen. Schweben und Absturz lagen auch hier nah beieinander.
Schreibende wissen, wovon die Rede ist. Schreiben lernt man durch Schreiben.
Wir haben unsere Türen für alle weit geöffnet, die sich diesem Prozess stellen. Mitglieder der Magdeburger- Hallenser- und der Jerichower Schreibrunde, Teilnehmer von Workshops, die
in Wernigerode stattfinden, Gymnasiasten und auch unsere jüngsten Schreibkinder sind mit ihren Arbeiten in dieser Anthologie zu finden.
Wir schreiben, was bewegt.
So ist eine neue Schreibbewegung entstanden.
REIMANNS ERBEN laden ein.

Textauszug:

Mechthild Börner

Der See

Seit unüberschaubar langen Zeiträumen lag in einer reizvollen Gegend ein See. Er verschönerte die Landschaft, umsäumt mit Büschen und Bäumen, die in jeder Jahreszeit durch ihre Pracht bezauberten. Sie grünten, blühten und trugen Früchte. Ganz zu schweigen von den herrlichen Blumen, von denen immer eine andere Art gerade blühte und eine schöner
als die andere war. Nur im Winter war alles verschneit, aber dennoch besonders reizend in seiner eisigen Schönheit. Berge und Hügel wölbten sich um ihn. Er lag tief eingebettet in
dieser Landschaft und leuchtete wie der wertvollste Diamant. Kam der Wind, so rauschte er in sich selbst, als plauderte er mit etwas. Er trug Seerosen und die buntesten und vielfältigsten
Fische schwammen in seinem glasklaren Wasser. Krebse und andere kleine Tiere krabbelten am Grund. See und Grund gehörten zusammen, wie eine unauflösliche Einheit. Der See
fühlte sich geborgen auf seinem Grund, den er ständig wie in liebevoller Umarmung umfloss. Sanft drückten sich seine Wellen in den weichen Sand. Sie liebten sich so innig wie kaum
ein anderes Paar. Nie hatten sie je an Trennung gedacht, nicht mal im Scherz davon gesprochen. Durch die Ruhe und Harmonie, die zwischen ihnen herrschte, fühlte sich die ganze Umgebung wohl und alle Pflanzen und Tiere gediehen prächtig. Fröhlich tummelten sich die Fische im Wasser und grüßten die Pflanzen, die sich wohlig im klaren Wasser nach der Sonne ausstreckten. Sogar der Rand des Sees atmete Ruhe und Frieden. Mit fortschreitendem Alter wurden der See und sein Grund immer dankbarer für ihr gemeinsames Glück.

Eines Tages wurde mit großem Tosen, von nie gekannter Gewalt herrührend, eine schmerzliche Wunde in den Grund gerissen. Nie zuvor musste er solche körperlichen Qualen erdulden. Aber all das wäre noch eine Belobigung gewesen gegenüber dem, was danach folgte. Hinter der Wunde öffnete sich ein dunkler gähnender Schlund, so tief und dunkel, dass man sein Ende nicht sehen konnte. Das Wasser des Sees wurde gierig von ihm aufgesogen. Nach dem Schrecken, der ihn für kurze Zeit ohnmächtig werden ließ, fing der Grund fürchterlich an zu weinen und zu schreien. Er rief verzweifelt nach seinem See. Doch er konnte ihn nicht halten. Sein geliebter See wurde dem Grund für immer entzogen. Der Ärmste, wie kann er leben ohne Grund und wie der Grund ohne seinen See?

Bald wurde der Grund hart und krustig. Kahl und ohne Leben lag er da. Sein Jammern und Klagen wollte Tag und Nacht nicht verstummen. Seine Haut fing an aufzureißen und in den
Rissen sammelten sich Maden und Würmer. Wenn dies doch alles endlich zu seinem eigenen Tod führen würde. Vielleicht könnte er dann seinem See in sein unterirdisches Reich folgen
und wieder mit ihm vereint sein. Wie plagte ihn sein seelischer Schmerz. Er fand keinen Schlaf mehr und seine Kräfte waren erschöpft. Selbst sein Weinen war erstorben. Er dämmerte nur noch vor sich hin und wusste nicht mehr, wo er hingehörte. Alle aus der Umgebung mieden ihn, der einst so bewundert und geachtet wurde. Ohne Rücksicht trampelten alle Tiere auf seiner verletzten Oberfläche herum, besonders die harten
Hufe der Schafe schmerzten ihn sehr und auch die spitzen Schnäbel der Vögel, die Maden und Würmer aus seiner rissigen Oberfläche hackten. Keiner verweilte länger auf ihm oder fragte nach seinem Befinden. Anders als früher, wo ihn Pflanzen zierten, in denen Fische fröhlich verstecken spielten. Damals in seinem Glück war er von Freunden umgeben. Der See umfloss ihn mit seiner ganzen Liebe, schenkte ihm Glück und Halt. Tränen und Leid hatte er nie gekannt. Alles um ihn strahlte Liebe und Schönheit aus. Jetzt dagegen war er allein und
übersät mit Pickeln, Schwielen und Narben und immer wieder neue Wunden wurden ihm zugefügt, ehe die alten heilen konnten. Er schloss seine Augen, um die Schande der Erniedrigung nicht sehen zu müssen, und versenkte sich ganz in sich selbst. Wie oft träumte er von den wunderbaren Zeiten mit seinem See. Wenn er erwachte, fand er die Wirklichkeit noch unerträglicher. Doch langsam erholten sich seine verbrauchten Kräfte. Als er nach längerer Zeit seine Oberfläche wieder betrachtete, bemerkte er, dass an manchen Stellen ganz zartes Grün wuchs wie feines, grünes Haar. Er verschloss wieder seine Augen und musste an früher denken und seine Tränen ließen sich nicht mehr unterdrücken. Warum konnte er sich nicht mit seinem fernen See verständigen, warum erhielt er von ihm kein Lebenszeichen?
Er fragte die Vögel und die Hasen, ob sie seinem See begegnet seien, aber sie gaben keine Antwort, belächelten ihn sogar. Wieder begann eine große Hitzewelle und trocknete ihn völlig aus. Doch dann regnete es große Tropfen, eine riesige Wassermenge ergoss sich über ihn, fast so, als wollte der See vom Himmel in den Grund stürzen. Doch alles Wasser versickerte in seiner Erde. Dadurch fühlte sich seine Oberfläche wieder weich und geschmeidig an, was ihn gelöster und entspannter werden ließ. Zugleich musste er an frühere Zeiten denken, träumte auch am Tage mit offenen Augen, versunken in schönen Erinnerungen. Manchmal lächelte er sogar dabei. In nüchternen Momenten empfand er wieder sein Unglück und die Sehnsucht nach seinem See überwältigte ihn. Er flehte den See an, ihm ein Zeichen zu geben. Er müsste ihn hören, wenn er am anderen Ende der Welt wäre, so intensiv waren seine Gefühle. Wieder plagten ihn schmerzliche Träume. Er fühlte sich hilflos gegenüber der Macht des Schicksals. Wütend war er auf seine Umgebung, die ihn verachtete und ihm auswich, als hätte er Schuld an seinem Leid. Warum lebte er noch immer? Verständnislos sah er auf die Vögel, die ihr Liebesspiel trieben. Er selbst liebte den Tod mehr als das Leben. Wie lange sollte dieser Zustand der Hoffnungslosigkeit noch andauern? Er betete flehentlich, dass ihn die unsichtbaren Geister erhören mögen, ohne in seiner Verzweiflung noch daran glauben
zu können. Doch er musste mit irgendjemanden reden, sonst wäre er wahnsinnig geworden.

Eines Tages wurde es ihm bewusster und bewusster, dass sein Leben neu begann. Es regte sich etwas in seinem Schoß und manchmal hörte er beim Erwachen oder in der Dämmerung
ein sanftes Rauschen, flüchtiger und leiser als der See und weniger zärtlich. Dünne Grashalme wiegten sich im Wind und lispelten sich Geschichten zu. Das klang nicht so weich und melodisch wie das Rauschen des Sees. Dennoch war es ein Lebenszeichen. Es kribbelte und krabbelte auf ihm. Kleine bunte Käfer bauten sich Nester und gingen gemütlich auf ihm spazieren. Sie sahen so vergnügt aus und schienen ihren Grund zu mögen. Der genoss jetzt wieder dieses winzige Leben um sich herum. Manchmal konnte er fast jubeln vor Freude. Er
hob seine Augen zum Himmel auf. Die Sonne strahlte ihm ins Gesicht, als freute sie sich mit ihm. Wie lange hatte er dies nicht getan. Noch nie in seinem Leben sah er den Himmel so
klar und ungetrübt. Früher war dieser Anblick verschwommener. Der See lag dazwischen mit seinen liebenden Wellen. Doch heute, an diesem schönen Sommertag, sah der Grund zum ersten Mal den Himmel im strahlenden Blau. Zum Kontrast dazu legten sich die schneeweißen Wolken wie Federn oder Schaum auf ihn. Alles vergoldete noch die Sonne mit ihren lebensspendenden Strahlen. Er schaute jetzt öfter zum Himmel. Es war ein erhabenes Gefühl, was er früher nicht kannte. War es das, wovon der See ihm immer vorgeschwärmt hatte, und bedauerte, dass er durch ihn immer nur ein verschwommenes Bild vom Himmel sah. Jetzt könnte er mit ihm über seine neuen Erfahrungen reden. Wie leuchtete der Himmel nachts durch die Sterne und wie unendlich groß war er. Wie klein erschien ihm plötzlich sein Leben. Was gab es nicht alles, das er nicht kannte. Wer würde die Geheimnisse des Himmels je ergründen? Zeigt er nicht unendlich viele Möglichkeiten des Lebens. Oft wechselt er sein Gesicht, aber immer ist es schön oder interessant. Wenn er manchmal so drohend dreinschaut, erleuchten ihn die feurigen Blitze. Ebenso wechselt die Erde ihr Gesicht. Sie kann feucht und voller Leben sein, trocken und karg oder im Winter hart gefroren und mit einem weißen Tuch verziert. Überfluss schenkt sie nach den Entbehrungen des Winters. Langsam gewann der Grund wieder sein Gleichgewicht. Er dachte nicht mehr ständig an sein verlorenes Glück und beobachtete alles, was sich an Leben regte. Das Leben auf ihm vermehrte sich ständig, als hätte es den Tod überwunden. Bald war er mit kleinen Bäumen und Sträuchern bewachsen. Die Bäume schossen immer mehr in die Höhe, als wollten sie den Himmel stürmen. Die Bienen summten dazu und die Sinfonie der Vögel lobte die Schönheit des Sommers. All das Neue und Unbekannte schien ihm die Liebe seines Sees ersetzen zu wollen. Nur im umgekehrten Sinn, denn der Grund fühlte sich jetzt als Lebensspender. Auf ihm und durch ihn wuchs und spross das Leben. So konnte er die Liebe, die er von dem See empfangen hatte, an andere weitergeben, all seinen Reichtum an Liebe verschenken. Jetzt lebt er sein zweites Leben und wer will wissen, ob er nicht eines Tages wieder mit seinem See vereint sein darf,
vielleicht in seinem dritten oder einem noch späteren Leben.
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