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verlagsheft2019

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Gedanken zum neuen Lyrikband von Heike F.M. Neumann

Friedenswaisen

... so der neue Gedichtband von Heike F. M. Neumann. Beim Hören könnte man meinen, eine Friedensweise, dahin plätschernd, lobend, der Einklang von Mensch und Natur.

Gefehlt, gemeint sind die Waisen im Frieden, ein Widerspruch, den es aufzuklären gilt.

Die Verfasserin spannt den Bogen von der Kindheit im Nachkriegsdeutschland über viele Jahre bis zur verwaisten Natur durch Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit, menschliche Zerstörung mitten im tiefsten Frieden. Die Gedichte über die Kindheit sind auch unter dem Dach der „Verwaisten“ Erinnerungen an glückliche Tage.

So versammelte man sich mit den Nachbarn vor dem einzigen Fernseher, aß und trank, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren, um einen Faschingsumzug am unerreichbaren „anderen Ende der Welt“ zu sehen („nachbarn“).

Während die Eltern zur Arbeit waren, konnten die Kinder ihren Fantasien freien Lauf lassen und Experimente starten, die nicht immer gefahrlos waren. Eine Kindheit in der Retrospektive war auch in bescheidenen Verhältnissen glücklich („ich sehe was was du nicht siehst“).

Man baute eine Schneehöhle, indem die Kinder gemeinschaftlich Schneeklumpen auf Schneeklumpen setzten. Die Kleineren bauten unten, die Größeren oben. Es war ein „Gemeinschaftsprojekt“, in dem man sich am Schluss aneinander kuschelte, sang und sich zufrieden am Geschaffenen erfreute. Man brauchte keine Elektronik, keine Spielkonsole, kein Handy, kein Tablet, um glücklich zu sein. Ich sehe die strahlenden Gesichter mit den vom Frost geröteten Wangen vor mir („schneehaus“).

Der alte Schneepflug in der Sommerau, vergessenes Relikt aus vergangenen Wintern. Er regte die Fantasie zu gemeinsamen friedlichen Spielen an. Die Nachkriegskinder, die sich meist allein beschäftigen mussten, weil Mutter und Vater tagsüber arbeiteten, haben ihre Freizeit selbständig und frei gestaltet. Die Verantwortung, die sie füreinander hatten, war ihnen sicher nicht bewusst, sie haben sie aber selbstverständlich getragen. Waren wir deshalb Waisen? („alter schneepflug“)

Den „Rummelplatz“, die große Attraktion im Alltag der 50er-Jahre mit Kinder- und Kettenkarussell, Los- und Schießbude, kann der Leser hautnah miterleben. Das kleine Mädchen auf der Schiffschaukel, die man heute kaum noch kennt, schaukelt erwartungsfroh immer höher mit gleichzeitig „mulmigen Gefühl im Bauch“ vor zu hohem Fliegen, der Angst vor der eigenen Courage („rummelplatz“). Erinnert das Gedicht etwa an den „Augsburger Plärrer“ Anfang des letzten Jahrhunderts? Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Es sind nicht nur die Kindheitserinnerungen, die Heike F. M. Neumann Revue passieren lässt. Sie philosophiert auch über das Verhältnis des Menschen zur Natur und der Menschen untereinander. „thürengeti“ und „sommer“ sind typische Beispiele für die Verwobenheit des Menschen mit der sich selbständig entwickelnden Natur. Insbesondere „thürengeti“ ist dabei von hervorragenden Wortspielen zwischen Erdgeschichte-Landschaft-Tier und Mensch geprägt. Ihre enge Verbundenheit schließt ihre Gegensätzlichkeit nicht aus. „die weißen stuten fohlen, milan und schwarzstorch kreisen“ – von Menschen erfundenen „elektrozäune stehen an schotterwegen“ – Mensch und Wolf, hier auf eine Stufe gesetzt, sind allgegenwärtig.

worte2“ – Worte sind Schall und Rauch, sagt der Volksmund. Sind sie das wirklich? Sie können Neuigkeiten verbreiten, erzählen, man kann zwischen ihnen lesen, sie können einen negativen Beigeschmack haben, sie können verletzen, böse wirken, im Wind verwehen aber auch aufrichten, Kraft spenden und inspirieren. Eine wunderbare tiefsinnige Betrachtungsweise der Lyrikerin.

Ihre Reiseeindrücke von fernen Ländern („hinter dem nördlichen polarkreis“, „nordkap 71°10‘21‘‘ “, „lofoten“) sind naturlyrisch geprägt und trotzdem kommen Gedanken zur Rolle des Menschen im Naturidyll auf. Es ist die feine Ironie, wenn sich die Wale gerade dann nicht zeigen, wenn die Menschen es möchten und dafür bezahlt haben oder sollte der Mensch besser sein unbändiges „haben wollen“ der Natur zu Liebe zügeln? („arctic whale watching tour“)

Der Gedichtband ist naturlyrisch geprägt, den Menschen in seiner Verantwortung inkludierend. Er umfasst aber auch das Philosophieren über Raum und Zeit, die Vergänglichkeit und Wiedergeburt und immer wieder den Menschen in seiner Sonderrolle.

In einigen Gedichten klingt auch die Sorge über politische Ereignisse wie

Rechtsextremismus, falsche Afrikapolitik, vordergründige, oberflächliche „Amerikanisierung“

an, ohne zum politischen Gedicht zu werden („jedermannsrecht“, „hutongs“, „moskau“).

Die Schreibweise, ohne Interpunktion und Beachtung von Groß- und Kleinschreibung ist gewöhnungsbedürftig und erfordert vom Leser Konzentration und Mitdenken. Sie erinnert mich an die „zornigen jungen Männer“, den frühen Brecht und an H. M. Enzensberger. Die Gedichte sind keine „leichte Kost“ und erfordern durchaus mehrmaliges Lesen. Das ist aber normal und gewollt bei anspruchsvollen und komprimierten Inhalten. Das Bändchen von Heike F. M. Neumann ist ein gelungener Beitrag zur modernen deutschsprachigen Lyrik und auch als Ergänzung des Schulstoffes im Unterricht, beginnend bei den Jüngeren mit „justus malt“ bis zur Abiturvorbereitung z.B. mit „der rabe wars“ zu empfehlen.

Die Werke von Harald Reiner Gratz ergänzen den Gedichtband in unaufdringlicher Weise, lassen Raum für Fantasie und Interpretation und treffen damit ins Schwarze.

Dr. Gabriele Schubert

März 2020

erschienen im dorise-Verlag, Erfurt, ISBN 978-3-946219-41-5

 

   
© dorise-Verlag

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